Tu sei qui

Fairer Kaffee für faire Städte

Giovedì, 9 novembre, 2017
FTT Team
Giovedì, 9 novembre, 2017
FTT Team

doppelpunkt

Vier Gemeinden der Schweiz gelten als «Fair Trade Town». Wie kommt eine Bezeichnung, die man vorher von Kaffee und Schokolade kannte, in die Stadt? Und was bringt es, eine Gemeinde derart zu dekorieren? 

von Erik Brühlmann

Wir schreiben das Jahr 2001. Bruce Crowther, der im Dorf Garstang im englischen Lancashire lebt, ist der Meinung: Fairer Handel - ein Handelsgebaren, das die Rechte der lokalen Arbeiter und Produzenten achtet - gehört gefördert! Also ruft er die Kampagne «Fair Trade Town» ins Leben. Innerhalb weniger Monate vervielfacht sich der Umsatz mit Fair- Trade-Produkten, und Crowther bringt seine Freunde im Dorf dazu, Kontakte zu Fair-Trade-Kakaoanbaugemeinden in Ghana zu knüpfen. Es dauert nicht lang, da ziehen die Bemühungen der neugegründeten Fairtrade Foundation grössere Kreise. 2009 gibt es bereits 448 britische Städte und Gemeinden, denender Fair-Trade-Town-Status zugesprochen wurde. Und heute sind es fast 2000 Gemeinden in aller Welt.

Noch ein Label?

Wie kann eine Idee, die im englischen Hinterland geboren wurde, eine solche Reichweite entwickeln? «In diesem Projekt steckt eine innovative Kraft», sagt Philipp Scheidiger, Geschäftsführer von Swiss Fair Trade. Der Dachverband der Fair-Trade- Organisationen der Schweiz zeichnet hierzulande für die Kampagne «Fair Trade Town» verantwortlich. «Und der Ansatz, Fair Trade nicht nur in den Regalen zu führen, sondern es auch zum Gesprächsthema zu machen, ist offensichtlich ansteckend.» In der Schweiz, wo Fair-Trade-Labels wie «Max Havelaar» seit vielen Jahren bekannt sind, startete Fair Trade Town allerdings erst 2015. Man habe das Ganze beobachtet, sagt Philipp Scheidiger, intern die Grundlagen gelegt und Richtlinien ausgearbeitet - das habe eben seine Zeit gedauert. Aber brauchte es überhaupt noch ein weiteres Label auf dem jetzt schon unüberschaubaren Label-Markt? «Fair Trade Town sehen wir als Prozess für mehr Nachhaltigkeit, nicht als Label!», hält Philipp Scheidiger dagegen. Die Auszeichnung sei nur eine Art Zwischenhalt. Damit eine Stadt oder Gemeinde die Auszeichnung «Fair Trade Town» erhält, muss sie fünf Kriterien erfüllen: Sie muss sich zum fairen Handel bekennen, indem sie einen politischen Beschluss fasst, die Auszeichnung anzustreben; sie muss eine Arbeitsgruppe einsetzen, welche die Erfüllung der weiteren Ziele koordiniert und kontrolliert; der örtliche Detailhandel und die Gastronomie müssen eine gewisse Anzahl von Fair-Trade-Produkten anbieten; lokale Unternehmen und Institutionen - zum Beispiel Schulen, Vereine oder Kirchgemeinden – müssen Fair-Trade-Produkte verwenden; fairer Handel muss der Bevölkerung mittels Öffentlichkeitsarbeit nähergebracht werden. Betrachtet man die Teilziele genauer, könnte man jedoch ein wenig ins Staunen kommen. Ist die Latte nicht sehr tief gelegt, wenn «die Stadt/Gemeinde in ihrer Verwaltung Fair-Trade-Kaffee sowie mindestens zwei weitere Fair-Trade-Produkte» verwenden muss? «Der Einstieg wurde bewusst niederschwellig gewählt», sagt Philipp Scheidiger. «Setzt man die Hürde von Anfang an hoch an, braucht es viel mehr Motivation, damit alle Beteiligten sich überhaupt auf den Weg machen.»

Ein langfristiger Prozess

Dieser Weg ist mit der Auszeichnung als Fair Trade Town nicht zu Ende. Denn um die jeweils für drei Jahre gültige Auszeichnung zu behalten, muss sich eine Gemeinde auch langfristig nach den Kriterien richten. Zudem verpflichten sich Fair Trade Towns auch dazu, das Thema Fair Trade und Nachhaltigkeit innerhalb der Gemeinde weiterzuentwickeln. Werden also zum Beispiel aus Kostengründen die Fair-Trade-Produkte in der Verwaltung ersetzt, kann die Auszeichnung auch wieder aberkannt werden. «Kostendiskussionen sind in der Tat ein grosses Thema», bestätigt Philipp Scheidiger. «Deshalb ist es umso wichtiger zu wissen, dass Fair-Trade-Produkte nicht automatisch teurere Produkte sind.» In vielen Fällen seien sie sogar günstiger als Markenprodukte. Die erste Schweizer Gemeinde mit Fair - Trade -Town- Status war Glarus Nord. Sie besteht aus den acht Ortschaften Bilten, Niederurnen, Oberurnen, Näfels, Mollis, Filzbach, Obstalden, Mühlehorn und zählt 18 200 Einwohnerinnen und Einwohner. «Die damalige Kampagnenleiterin von Fair Trade Town kam auf unsere Gemeinde zu», erinnert sich Gemeindepräsident Martin Laupper. Daraufhin habe sich der Gemeinderat mit dem Thema befasst - und beschlossen, sich um die Auszeichnung zu bemühen. Vom Beschluss bis zur Auszeichnung im Februar 2016 dauerte es nur vier Monate. Laupper: «In der Gemeinde Glarus Nord waren bereits verschiedene fairtrade-affine Betriebe vorhanden, sodass die Anzahl zur Auszeichnung berechtigter Unternehmen, Institutionen und Vereine relativ rasch erreicht werden konnte.»

Glarner Nachhaltigkeitswurzeln

Was waren die Gründe für diesen Vorstoss? «Wir nehmen Fair Trade sehr ernst, auch aufgrund unserer eigenen Vergangenheit», sagt der Gemeindepräsident. «Nachhaltigkeit zieht sich durch unsere ganze Kantonsgeschichte.» Schon 1864 habe die Landsgemeinde das erste Fabrikgesetz der Schweiz erlassen. Es verbot Kinder- und Nachtarbeit und begrenzte die Arbeitszeit auf zwölf Stunden pro Tag. 1916, 30 Jahre vor der Eidgenössischen AHV, stimmte die Landsgemeinde einer kantonalen Alters- und Invalidenversicherung zu. Dennoch muss heute jede noch so gute Absicht einen messbaren Nutzen haben. Den sieht Martin Laupper in der Auszeichnung «Fair Trade Town» aber durchaus – auch deshalb, weil die fusionierte Gemeinde noch jung sei: «Nach innen möchten wir als Fusionsgemeinde Identität stiften und die gemeinsame fördern. ist hierbei ein verbindendes Element. Ziel ist es, eine gemeinsame Identität und gemeinsame Werte zu schaffen.» Nach aussen gehe es vor allem darum, Verantwortung für faires Verhalten zu übernehmen. Zwar nicht die erste, doch immerhin die grösste der zurzeit vier Schweizer Fair Trade Towns ist Bern. Die Stadt erhielt die Auszeichnung im Februar 2017. Auch dort stand am Anfang aller Überlegungen eine Anfrage des Verbands Swiss Fair Trade an die Berner Stadtregierung. «Der Gemeinderat liess sich begeistern und erteilte unserem Projektteam den Auftrag, die Auszeichnung für die Stadt Bern zu erreichen», erinnert sich Katharina Stampfli, Mitglied der Berner Arbeitsgruppe und Ökonomin im Wirtschaftsamt der Stadt. Wie immer gestaltete sich die Umsetzung jedoch schwieriger als die Theorie, wie Katharina Stampfli zugibt: «Es mussten mit persönlichem Einsatz viele Institutionen und Unternehmen dazu bewegt werden, an der Kampagne mitzumachen.»

Auf den Inhalt kommt es an

Rund ein Jahr dauerte es, bis alle Kriterien erfüllt waren. Ein Aufwand, der in gewissem Sinn für die Landeshauptstadt eine Selbstverständlichkeit ist. Katharina Stampfli: «Bern setzt die Nachhaltigkeit richtigerweise über alles, und der faire Handel ist ein Aspekt der Nachhaltigkeit. Mit der Auszeichnunggehen wir in die richtige Richtung und wollen unsere Bevölkerung zum Nachdenken anregen.» Allerdings: Eine spontane Umfrage auf dem Bahnhofplatz in Bern zeigte, dass von zehn Personen niemand die Auszeichnung kannte - oder gar wusste, dass Bern damit ausgezeichnet wurde. Immerhin: Alle wussten mit dem Konzept Fair Trade etwas anzufangen. «Damit ist unser Ziel erreicht, und ein Umdenken hat stattgefunden!», sagt Katharina Stampfli. «Die Auszeichnung an sich ist auch nicht so wichtig.»

Ganz allgemein findet die Ökonomin, dass es um den Verkauf von Produkten aus fairem Handel in der Schweiz derzeit recht gut bestellt sei: «Produkte aus fairem Handel sind im Trend und auf Erfolgskurs. » Dabei helfe auch, dass immer mehr Gemeindeverwaltungen bei der Warenbeschaffung nicht nur auf den Preis fixiert seien. «Die Berner Stadtverwaltung achtet bei der Beschaffung zum Beispiel darauf, dass die Herkunft von Importprodukten wie Kaffee, Tee, Trockenfrüchten oder Textilien nachverfolgt werden kann und in den Herkunftsländern faire Produktionsbedingungen herrschen.» Bern habe nicht vor, daran in Zukunft etwas zu ändern oder die Förderung fair gehandelter Produkte aus den Augen zu verlieren. «Was vor vielen Jahren als Bewegung in kirchlichen Kreisen begann, soll in der breiten Bevölkerung Fuss fassen», sagt Katharina Stampfli. «Der Stein muss weiterrollen - und deshalb wollen wir die Auszeichnung auch behalten.»