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FAIRER HANDEL GEHT ALLE ETWAS AN

Freitag, 2. Dezember 2016
FTT Team
Freitag, 2. Dezember 2016
FTT Team

Brunne Zytig

FAIRER HANDEL GEHT ALLE ETWAS AN

Der Berner Gemeinderat hat im letzten Februar das Projekt Fair Trade Town angestossen. Soziale Verantwortung stehe der Bundesstadt gut an, war man überzeugt. Das Projekt hat rasch Form angenommen und kürzlich wurde die Kandidatur hinterlegt, obschon noch nicht ganz alle Bedingungen erfüllt sind. Mitmachen können Geschäfte, Gewerbe, Vereine, Unternehmen, Gastronomiebetriebe, Schulen, Spitäler usw.

In der Schweiz dürfen sich bereits Glarus Nord und sie den Eintrag auf dem Stadtprofil von Bern auf der Zweisimmen mit dem Fair Trade Label schmücken. Weltweit sind es über 1800 Orte. Hauptstädte wie Rom, Brüssel oder Kopenhagen gehören dazu. Bern möchte sich da einreihen. Wenn möglich schon im kommenden Frühjahr. Katharina Stampfli, die bei Wirtschaftsraum Bern die Kandidatur koordiniert, ist überzeugt, dass man die letzten kleinen Hürden rasch überwinden wird. Noch ist die Zahl der sich beteiligenden Institutionen nicht ganz erreicht.

Je-Ka-Mi
Fairer Handel und faire Produkte gehen alle etwas an. Gut etabliert sind heute schon zahlreiche Genuss- und Lebensmittel wie Kaffee, Tee, Bananen, Schokolade, Reis usw. Immer mehr werden aber auch Blumen, Textilien oder Wohnaccessoires aus fairer Produktion angeboten. Auf den Punkt gebracht bedeutet das: Jeder kann mitmachen und einen Beitrag leisten. Und genau da setzt das neue Label an: Es will das Bewusstsein für soziale Arbeitsbedingungen und nachhaltige Anbaumethoden in den Produktionsländern wecken. <Wir sprechen hier von Produkten, die wir sowieso importieren müssen», betont Katharina Stampfli, «und leisten damit
Entwicklungshilfe auf nachhaltige Art, aber freiwillig und ohne Zwang.»

Direkt beteiligen an der Kampagne können sich wie erwähnt auch Restaurants, Vereine, Arztpraxen, Anwaltskanzleien, Kochgruppen und andere mehr. Bedingung ist, dass diese in ihrem Gremium drei Fair Trade-Produkte nutzen. Läden bieten ihrerseits mindestens fünf Produkte aus fairem Handel an, um dabei zu sein. Wer diese Bedingungen erfüllt, kann zur Fair Trade Town Bern beitragen, indem er oder sie den Eintrag auf dem Stadtprofil von Bern auf der Internetseite www.fairtradetown.ch vornimmt oder sich direkt mit der Angabe der verwendeten Fair  Trade-Produkte beim Wirtschaftsraum Bern ([email protected]) anmeldet.

Bewusst einkaufen
Die Kampagne Fair Trade Town wurde 2001 im englischen Garstang lanciert mit dem Ziel, langfristige entwicklungspolitische Verantwortung zu etablieren und so nachhaltige Anbaumethoden zu fördern. Die Produzentinnen und Produzenten sollen aus eigener Kraft ihre Situation verbessern können. In den letzten 15 fahren haben sich weltweit zahlreiche Städte zur Kampagne bekannt. In Deutschland beispielsweise sind es bereits über 400, wobei allgemein auch Dörfer zu Städten (Town) gemacht  werden.

Swiss Fair Trade setzt sich seit zwei Jahren dafür ein, in der Schweiz Mitglieder zu werben. Dabei beruft sich die Organisation vor allem auf einen Bewusstseinswandel. In Verwaltungen, Büros und Institutionen, in denen zentral eingekauft wird, reicht es oft schon, den üblichen Lieferanten zu fragen, ob er auch Produkte aus fairem Handel anbiete, und dann die Bestellung entsprechend anzupassen. Es geht eigentlich nur darum, den bei den Konsumenten bereits fortgeschrittenen Bewusstseinswandel zu übernehmen und weiterzuführen! 

Konkret muss ein Ort fünf Bedingungen erfüllen, wenn er Fair Trade Town werden will. Erstens muss
sich die Stadt zum fairen Handel bekennen. Zweitens koordiniert eine Arbeitsgruppe das Fair Trade-Engagement. Drittens bieten Detailhandel, Gastronomie/Hotellerie Fair Trade-Produkte an. Viertens verwenden Unternehmen und Institutionen Fair Trade-Produkte und schliesslich wird fünftens der faire Handel durch Öffentlichkeitsarbeit der Bevölkerung näher gebracht. Die detaillierten Bedingungen sind auf der Homepage von Fair Trade Town nachzulesen - genauso wie viele andere interessante Angaben zum Thema.

koe

 

DIE STADT HOFFT AUF EIN SCHNEEBALLSYSTEM
Katharina Stampfli ist die verantwortliche Koordinatorin bei Wirtschaftsraum Bern für die Kandidatur der Bundesstadt als Fair Trade Town. Die BrunneZytig hat mit ihr gesprochen.

Bern will Fair Trade Town werden. Warum?
Katharina Stämpfli: Mit der Auszeichnung als «Fair Trade Town» bekräftigt die Stadt Bern ihren Einsatz für eine nachhaltige, verantwortungsvolle Entwicklungspolitik. Wer Produkte wie Kaffee, Tee oder Textilien aus fairem Handel kauft, hilft mit, dass sich die Wirtschaft in den Schwellenländern zu Gunsten der Kleinbauern, des Gewerbes und der Arbeitnehmenden entwickeln kann.

Was bringt das neue Label der Berner Konsumentin oder dem Berner Konsumenten?
Katharina Stämpfli: Die Auszeichnung als «Fair Trade Town» soll die Bevölkerung auf das Thema fairer Handel aufmerksam machen. Informierte Konsumentinnen und Konsumenten kaufen bewusster ein. Bei Produkten mit einem Fair Trade-Gütesiegel weiss man, was dahinter ist. Der Genuss wird mit einer Portion gutem Gewissen grösser...

Ist das Projekt abgeschlossen, sobald Bern die Auszeichnung erhalten hat?
Katharina Stämpfli: Nein. Nach der Auszeichnung ist auf Seiten Stadt weiterhin Öffentlichkeitsarbeit und einmal pro Jahr eine grössere Fair Trade-Veranstaltung angedacht. Die Stadt hofft auf ein Schneeballsystem der guten Art. Alle sind aufgefordert mitzumachen, mitzudenken, zu handeln und eigene Ideen einzubringen. Jeder noch so lange Weg beginnt mit einem Schritt, wie uns ein chinesisches Sprichwort lehrt.

Wenn kleinere Unternehmen oder Gewerbetreibende einen Beitrag zu Fair Trade leisten möchten, was können sie tun?
Katharina Stämpfli: Die gute Nachricht: Produkte aus fairem Handel sind im Trend, genau wie regionale und Bio-Produkte. Ich empfehle deshalb allen, hier strategische Überlegungen anzustellen. Alle können neue Zielgruppen erreichen, Spielraum bei der Kalkulation schaffen und ihr Image als verantwortungsbewusstes
Unternehmen stärken.

Wer die Kampagne unterstützen will, sollte mindestens drei Produkte aus fairen Handel regelmässig im Angebot, im Pausen- oder im Sitzungszimmer haben. Dann kann man sich auf der Internet-Seite von Fair Trade Town unter Bern eintragen oder mich kontaktieren.

Haben Sie Ihr Verhalten geändert, seit Sie sich beruflich mit Fair Trade befassen?
Katharina Stämpfli: Tatsächlich achte ich beim Einkauf stärker auf Herkunft und Inhalt der Produkte. Sehr gefreut hat es mich, als mein Partner kürzlich eine Packung Reis mit einem Fair Trade-Gütesiegel nach Hause brachte. Die Diskussion beim Abendessen steckt offensichtlich an.

koe