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EIN TROPFEN AUF DEN HEISSEN STEIN - FAIR TRADE IN DER UNTEREN ALTSTADT

Donnerstag, 23. Juni 2016
ToyaFTT
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BrunneZytig

Es ist recht leicht, mit etwas gutem Willen eine nachhaltige und faire Konsumentin zu sein. Weit schwieriger ist es, als Produzentin und Händlerin mit ethischem Gewissen ohne Kompromisse über die Runden zu kommen. Franziska Lack lebt dies in ihrem Kellergeschäft «ideale Fair Trade» an der Kramgasse 9 seit 20 Jahren.


Was Franziska Lack im Betrieb ihres Textilgeschäftes leistet, verlangt Respekt! Die Freude über das gelungene Projekt und am nicht alltäglichen Umgang damit steht ihr ins Gesicht geschrieben, und aus jedem ihrer Sätze klingt Begeisterung, die ansteckt. Franziska Lacks Fair Trade-Projekt ideale» entsteht Als die ausgebildete Sekundarlehrerin mit einem Stipendium der Gesellschaft zu Kaufleuten als Austauschstudentin nach Indien reisen konnte und einer ihrer zahlreichen weiteren Auslandaufenthalte ihr Gelegenheit boten, ihre Ideale direkt an der Basis zu leben, zögerte sie keine Sekunde. Keineswegs blauäugig wagte sie 1995 den Schritt in ein Geschäft mit Textilien, deren Produzenten sie in Laos, Vietnam und Kambodscha persönlich kennengelernt hatte. Am Beginn ihrer eigenen Produktion standen drei Personen, wie sie unterschiedlicher nicht hätten sein können: Herr Le, ein Schneider in Hanoi, bei dem sie sich auf ihren geliebten Fernost-Reisen jeweils Kleider anfertigen liess, Suvana, eine alte Thailänderin, die ihr die Weberei und die Liebe zu Stoffen beibrachte, und der amerikanische Modedesigner Ephraim, der bis 1989 in Paris bei Jean-Louis Scherrer gearbeitet hatte und anfangs der 90erJahre als Aussteiger nach Laos gekommen war. Sie traf ihn 1995 beim Besuch einer von der UNO unterstützten Baumwollfabrik in Laos - einer dieser Zufälle, die ein ganzes Leben zu ändern vermögen. Gute Projektarbeit lebt davon, Potential zu erkennen und erfolgreich zu kombinieren. Nachdem «Efi» ihr spontan die Zusammenarbeit angetragen hatte, «I want to work with youl», besuchte sie sein Atelier in Bangkok und kaufte ihm kurzerhand eine Musterkollektion ab. Zu Hause funktionierte sie ein Zimmer ihrer Wohnung in der Länggasse zu einem Schauraum um, wo sie ihre Ware erstmals anbot. In den folgenden zwei Jahren mietete sie das Kleintheater Kramgasse 6 während der spielfreien Monate. Sie verkaufte im Foyer ihre Designerkleider, während man drinnen auf der Bühne für die nächste Spielzeit probte. Dies gab dem damaligen Kleintheaterleiter Thomas Nyffeler einen finanziellen Zustupf und Franziska Lack die Gelegenheit, in der Altstadt Fuss zu fassen. Ab 1998 konnte sie das leerstehende Kellerlokal von AntiQuitätenhändler Ritschard an der Kramgasse 9 zu günstigen Bedingungen mieten und ein eigenes Geschäft eröffnen (www.ideale.biz).


Ein eigenes Produktions-Netzwerk in Asien.
Ephraim hatte infolge der Asienkrise Ende der 90er Jahre zunehmend Probleme bei der Seidenbeschaffung. Also reisten er und Franziska kurzerhand zu ihrem Rohstoff nach Vietnam. Im Gepäck trugen sie 20 Kilo Schnittmuster, die sie an erstaunten Grenzposten vorbei zu Schneider Le nach Hanoi brachten. Seine Prototypen waren perfekt, und die Produktion konnte beginnen. Ephraim war einer der ersten, der die Knittertechnik an der vietnamesischen PongeSeide anwendete und auch Herrn Le darin instruierte. Des Schneiders zusätzliche Idee, auch Seidenschlafsäcke zu nähen, brachte den erhofften Verkaufserfolg. «Die ersten 15 Jahre dieser Zusammenarbeit war eine Riesenverantwortung. «Wer im Fair Trade-Geschäft arbeiten will, braucht einen starken Sinn für soziale Gerechtigkeit und den Mut zur totalen Hinterfragung», meint Franziska Lack. Dank der nun regelmässigen Einnahmen hatte Herr Le das 1954 konfiszierte Familienhaus zurückkaufen können und ein paar zusätzliche Leute eingestellt. Für die jährliche Bestellung reist Franziska Lack jeweils drei Wochen mit Farb- und Stoffmustern und eigenen Ideen für ihre neue Kollektion nach Hanoi, begutachtet anschliessend die Prototypen und reist nach deren «Absegnung» weiter nach Laos und Kambodscha. Neben ihrem eigenen Projekt in Vietnam arbeitet sie dort mit verschiedenen lokalen Fair Trade-Initiativen zusammen. Reisen nach Fernost erweitern das Sortiment Franziska Lack entdeckte auf ihren Reisen im unwegsamen Gebiet von Nordlaos die Kunst des Seidenwebens und verliebte sich in die traditionellen Muster, die keinerlei Modetrend unterliegen. Hier ist noch ursprüngliches Wissen von der Seidenraupenpflege über die Pflanzenfarbenherstellung bis zum fertigen Produkt vorhanden, dessen Materialien ausschliesslich aus der Umgebung stammen. Durch behutsames «social fieldwork» der Einkäufer wird der gesamte kulturelle Kontext erhalten. Ebenfalls aus Nordlaos stammen der einzigartige textile Schmuck und die Taschen in Franziskas Laden, die eine französische Designerin gemeinsam mit der dortigen Bergbevölkerung herstellt.
Auch mit Kambodscha, das sie schon 1995 besucht hatte, als noch überall Spuren der Diktatur der Roten Khmer zu sehen waren, kann sie heute zusammenarbeiten. Neben urbanem Fair Trade und up -recycling Projekten (in denen Abfallprodukte oder scheinbar nutzlose Stoffe in neuwertige Produkte umgewandelt und damit aufgewertet werden), arbeitet sie vor allem mit einem Frauenprojekt im Dschungel von Nordkambodscha, wo kriegsversehrte und der häuslichen Gewalt entflohene Frauen kunstvolle Seidenschals herstellen. Die Arbeit ist selbsttragend und ermöglichte ihnen, neben den Unterkünften auch eine Kinderkrippe und ein Spital zu bauen.


«Das Direkte ist für mich das A und 0»
Fair Trade, fairer Handel, heisst für Franziska Lack Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Der direkte Kontakt zu den Produzenten und die Schaffung eines Klimas von Vertrauen sind die idealen Voraussetzungen für eine langfristige Beziehung und das Gelingen des Projekts. «ideale Fair Trade» umfasst immer die ganze lokale Wertschöpfungskette, vom Seidenanbau bis zum Endprodukt. Sämtliches Zubehör wie Fäden, Knöpfe, Reisverschlüsse und Kleiderbügel stammen aus lokaler Produktion. So bleibt die ganze Wertvermehrung vom Rohstoff bis zum fertigen Produkt im Land (normalerweise sind in Vietnam nur 10% üblich).
Alle beteiligten Familienunternehmen erhalten einen fairen Preis. Das sichert die Existenz und reicht für ein Leben mit gutem Standard. Die Produktion wird zu hundert Prozent vorfinanziert und die Produzenten im Land übernehmen die ganze Verantwortung
für den Herstellungsprozess. Das bedeutet für alle Beteiligten grösstmögliche Unabhängigkeit, da sie ihren Lebensunterhalt durch eigene Arbeit und nicht durch karitative Zuwendung bestreiten.
Und was bedeutet das für den Endverkäufer? Franziska Lack meint dazu: ,Viele denken, Fair Trade heisse, nach einer Vision und mit einem vorgefassten Konzept zu arbeiten. Für mich ist es das exakte Gegenteil: Ich arbeite «operativ», sehe zuerst reale Gegebenheiten und Möglichkeiten, die mein Vorgehen inspirieren und bestimmen. Erst danach arbeite ich konzeptuell, zum Beispiel an der Vermarktung. Deshalb ist für mich der Begriff Fair Trade auch nicht fest definiert und nicht nur auf globale Produktion und Import-Handel bezogen. Der zunehmende und erfreuliche Trend, auch bei uns lokal anzubauen, zu produzieren, zu vermarkten und zu konsumieren, scheint mir dazu ebenbürtig. Das Wichtigste dabei bleibt, die Lebensbedingungen aller Beteiligten zu verbessern, damit das Überleben der Kleinbetriebe gesichert werden kann. Auf diese Weise wird auch traditionelles Wissen erhalten und die Umwelt nicht durch Transporte unnötig belastet. Lokale Rohstoffherkunft und Warenherstellung bietet weniger verflochtene, also leichter nachvollziehbare Produktionsketten. Die Qualität der Ware kann somit schneller geprüft und die Preise können stabiler gehalten werden.


Eine win- win -Situation!" Eine brandneue Kampagne - bald Fair Trade Town Bern? Berner Läden, die eine Verbindung zu Fair Trade haben, sind seit 2009 in der Broschüre «fair lädele» und auf der Website von Bern Tourismus aufgeführt (www.bern.com/de/shopping/fair-laedele). Dabei ist auch Franziska Lack, die schon 1994 im Auftrag des ersten Fair Trade-Labels die Grundlagen eines Kriterienkatalogs für das Monitoring von Textilfabriken erarbeitete. Seit 2010 ist sie auch Mitglied von Swiss Fair Trade. Dieser Dachverband der Fair Trade-Organisationen in der Schweiz ist gerade dabei, die Kampagne Fair Trade Town in der Schweiz zu lancieren, eine weltweite Aktion, die schon 1600 Städte in 25 Ländern umfasst. Ziel der Kampagne ist es, Städte und Gemeinden auszuzeichnen, die sich für den fairen Handel engagieren. Dabei sind nebst den Politikern auch Geschäfte, Restaurants, Hotels, Unternehmen, Institutionen und natürlich die Konsumenten zum aktiven Mitmachen herzlich eingeladen (www.fairtradetown.ch). Anstatt einmal mehr über das Lädelisterben und die Abnahme der Artenvielfalt im Geschäftsbild der Unteren Altstadt zu jammern, leisten wir hiermit gerne einen Beitrag an diese Kampagne, indem wir die Fair Trade-Idee zu unseren Leserinnen und Lesern weitertragen. Und sei es nur als Tropfen auf einen heissen Stein...


ZB Info: Die KellerboutiQue «ideale Fair Trade» an der Kramgass 9 ist von April-August immer DienstagFreitag, 13.30-18.30 Uhr, und Samstag, 11-16 Uhr, geöffnet.